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Ich investiere in meine Leute – und dann sind sie beim ersten Angebot weg

Vier Jahre. So lange hast du den Andi aufgebaut.

Vom Hilfsarbeiter zum Mann, dem du die schwierige Baustelle gibst, ohne zweimal nachzudenken. Und jetzt sitzt du mit seiner Kündigung am Schreibtisch und hörst dich selbst den Satz sagen, den jeder Chef irgendwann sagt: Da steckst du Zeit und Geld rein, und beim ersten Angebot sind sie weg.

Der Satz stimmt. Er erklärt nur das Falsche.


Warum gehen ausgerechnet meine guten Leute?

Weil die Guten die einzigen sind, die woanders sofort anfangen könnten. Der Rest bleibt, weil er keine Wahl hat. Deine besten Leute haben immer eine. Wenn einer von ihnen geht, ist das kein Pech am Arbeitsmarkt — es ist Rückmeldung. Meistens über etwas, das im Betrieb schon länger nicht stimmt.

Der Andi war nicht unzufrieden mit dem Lohn. Er war unzufrieden damit, dass er die letzten drei Monate keine Rückmeldung von dir bekommen hat, außer wenn was schiefging. Dass sein Vorschlag für den Ablauf auf der Nordbaustelle unter „mach ich später" verschwunden ist. Dass er der Mann für die schwierigen Jobs war, aber nie der, den du gefragt hast, wie es ihm damit geht.

Das kostet nichts extra. Deshalb fällt es nicht auf. Bis es fünfstellig auffällt.


War es wirklich nur das bessere Angebot?

Fast nie. Das Angebot ist der Anlass, nicht der Grund. Wer zufrieden ist, hört sich einen Anruf vom Mitbewerber höflich an und legt auf. Wer innerlich schon halb draußen ist, sagt zu. Die Kündigung passiert am Tag der Unterschrift — die Entscheidung ist Wochen vorher gefallen, in deinem Betrieb.

Denk an den Tag zurück, an dem der Andi das erste Mal komisch war. Nicht der Tag der Kündigung — der Tag davor, Wochen davor. Als er aufgehört hat, in Besprechungen was zu sagen. Als aus „passt, mach ich" ein „ja, eh" geworden ist.

Das ist der Punkt, an dem er gekündigt hat. Das Angebot vom Mitbewerber kam später und hat nur noch das Formular geliefert.

„Die zahlen halt mehr", sagst du dir. Manchmal stimmt das. Öfter ist der Lohnzettel die Erklärung, mit der du dich rausrechnest, damit die Frage nicht lautet: Was hätte ihn zum Bleiben gebracht, das mich nichts oder fast nichts gekostet hätte?


Was kostet mich ein Abgang wirklich?

Rechnen wir den Andi durch. Ein eingearbeiteter Facharbeiter, der geht, kostet dich gut 25.000 € — von der Suche bis zu dem Tag, an dem der Nachfolger dieselbe Leistung bringt. Die Summe steht in keiner Position deiner Kalkulation. Bezahlt wird sie trotzdem, und zwar sofort.

Im Einzelnen. Die Suche: Inserat, dein halber Tag Gespräche, zwei Kandidaten zum Probearbeiten, am Ende vielleicht eine Provision. Schnell 6.000 €. Der Neue braucht ein halbes Jahr, bis er die Leistung vom Andi bringt — in der Zeit produziert er im Schnitt halb, das sind bei rund 6.000 € Monats-Vollkosten über sechs Monate gut 18.000 € verpuffte Leistung. Dein Vorarbeiter steckt zwei Stunden pro Woche ins Einarbeiten statt in seine eigene Arbeit, ein Quartal lang: bei 48 € noch mal rund 1.250 €.

Macht gut 25.000 €, bevor irgendwas schiefgegangen ist. Nicht eingerechnet: der Stammkunde, der nach dem Andi gefragt hat und beim nächsten Auftrag woanders angerufen hat. Das Know-how über die Anlage, das jetzt beim Mitbewerber steht. Und die zwei Kollegen, die sich seit seinem Abgang fragen, ob sie sich auch mal umschauen sollen. Das kommt obendrauf.

Gehen zwei Gute im Jahr, redest du über 50.000 €. Für einen Betrieb mit 30 Leuten ist das kein Rundungsfehler.


Woran hätte ich es früher gemerkt?

An den leisen Zeichen, nicht an der Kündigung. Der Gute, der ruhiger wird. Der aufhört, Vorschläge zu machen. Der pünktlich geht, wo er früher geblieben ist. Wenn dein Bester anfängt, Dienst nach Vorschrift zu machen, hat er innerlich schon einen Fuß draußen — und du hast noch ein paar Wochen Zeit.

Die meisten Chefs merken es genau dann nicht, wenn sie am meisten im Stress sind. Und im Stress fragt keiner den Andi, wie es läuft. Man ist froh, dass die stille Front wenigstens keine Probleme macht.

Genau das ist die Falle: Der gute Mann, der keine Probleme macht, macht das größte. Er geht lautlos — und du erfährst es aus der Kündigung. Dieselbe Stille, aus der bei dir keine Kündigungen kommen, sondern Fehler, die dir keiner mehr meldet.


Was hätte den Andi gehalten?

Ein echtes Gespräch. Nicht über Aufträge — über ihn. Zwanzig Minuten, keine Baustelle dazwischen, eine ehrliche Frage: Was nervt dich hier gerade, und was hält dich? Und dann hältst du den Mund und hörst zu, auch wenn die Antwort unbequem ist.

Das kostet dich zwanzig Minuten pro Mann, viermal im Jahr. Ein Abgang kostet dich 25.000 €. Die Rechnung ist nicht kompliziert.

Der Punkt ist nicht, jeden zu halten. Manche gehen, und das ist in Ordnung. Der Punkt ist, dass du es weißt, bevor die Kündigung am Tisch liegt — und nicht danach.

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