Wissen · Satz 11

Dauernd ist jemand krank

Markus Kaar 21.09.2026 5 Min. Lesezeit

Montag, 6:50 Uhr. Das Telefon — du weißt vor dem Abheben, was es ist: die dritte Krankmeldung in zwei Wochen. An der Plantafel hängst du den Magneten um, die Arbeit geht zu der Partie, bei der sie sicher fertig wird.

Dorthin, wo sie immer hingeht.

Genau da beginnt der Krankenstand, dich doppelt zu kosten.

Warum ist bei uns dauernd jemand krank?

Weil „dauernd" ab deiner Betriebsgröße Arithmetik ist: Beschäftigte in Österreich sind laut Fehlzeitenreport rund 15 Tage im Jahr im Krankenstand. Bei 50 Leuten sind das 750 Ausfallstage — auf 220 Arbeitstage verteilt fehlen dir rechnerisch jeden Tag gut drei Mann. Die Lücke ist der Normalfall, nicht die volle Mannschaft. Teuer ist nicht die Lücke selbst, sondern was dein Betrieb mit ihr macht: Er ersetzt sie nicht, er verteilt sie.

Die 15 Tage kriegst du nicht weg — Grippewellen, kaputte Knie, Operationen sind Betrieb, kein Führungsproblem. Das Führungsproblem ist die Verteilung: Schau nach, bei wem sich die Krankmeldungen stauen. Auffällig oft bei denen, die vorher monatelang die Lücken der anderen mitgetragen haben. Und genau dieser Teil geht richtig ins Geld.

Was kostet mich das dauernde Ausfallen wirklich?

Einen oberösterreichischen Betrieb mit 50 Leuten kostet das dauernde Ausfallen rund 32.000 € im Jahr — zusätzlich zum Krankenstand, den jeder Betrieb hat. Rund 10.000 € für die Krankenstandstage, die die Dauerlast deiner Auffänger selbst erzeugt, und rund 22.000 € für die Überstunden, mit denen der Rest die Terminarbeit der Ausgefallenen nachzieht. Beide Posten weist dir keine Auswertung aus — Führungsreibung, verbucht als Verkühlung.

Der erste Posten. Bei dir fangen fünf Leute fast alles auf — die, zu denen der Magnet wandert. Wer zehn, elf Monate im Jahr Doppellast fährt, liegt beim Krankenstand über dem Schnitt — rechne vorsichtig mit sechs Tagen mehr pro Kopf. Ein Tag kostet dich mit Vollkosten rund 336 €, acht Stunden à 42 €, Lohn ohne Gegenleistung. Fünf Leute mal sechs Tage: 30 Tage, rund 10.000 €.

Der zweite Posten. Eine Krankmeldung streicht keinen Liefertermin. Von 750 Ausfallstagen trifft, wieder vorsichtig gerechnet, jeder vierte eine Arbeit, die trotzdem fertig werden muss — rund 190 Tage, an denen die anderen im Schnitt zwei Überstunden nachziehen, à 58 €. 190 mal zwei mal 58 €: rund 22.000 €.

Warum erwischt es immer die Verlässlichen?

Weil ein Ausfall bei dir nie ersetzt wird, sondern verteilt — an den, bei dem die Arbeit sicher fertig wird. Der Verlässliche bekommt jede Lücke obendrauf auf sein Pensum, Monat für Monat. Irgendwann holt ihn das ein: Wer dauernd Doppellast trägt, wird öfter krank und länger. Sein dritter Krankenstand heuer ist keine schwache Konstitution — er ist die Rechnung für die zehn Monate davor.

Ein Mitarbeiter, der ständig krank ist, war bei dir oft lange der, der nie gefehlt hat. Und die Spirale verstärkt sich selbst: Der Verlässliche kommt auch krank zur Arbeit — er weiß ja, an wem sie sonst hängen bleibt. Also schleppt er den Infekt mit, bis aus zwei Tagen sechs Wochen werden. Die zahlst du nach Entgeltfortzahlungsgesetz voll selbst, sechs bis zwölf Wochen je nach Dienstjahren — und bei deinen Verlässlichen sind die Dienstjahre da, die die zwölf auslösen.

Die zweite Rechnung läuft leise daneben: Mitarbeiterbindung entscheidet sich im Handwerk nicht am Obstkorb, sondern an einer einzigen Frage — bleibt jeder Ausfall automatisch an den Fachkräften hängen, die ohnehin schon tragen? Wenn ja, sieht sich der Verlässliche irgendwann um, und gute Leute sind beim ersten Angebot weg. Der nächste Abgang ist nicht der mit den meisten Krankenstandstagen — sondern der, der sie den anderen erspart hat.

Woran sehe ich, dass mein Betrieb Ausfälle verteilt statt ersetzt?

An der Namensprobe: Nimm die letzten fünf Krankmeldungen und schreib zu jeder dazu, wer die Arbeit übernommen hat. Ein Betrieb, der ersetzt, streut diese Namen — eingeteilte Vertretungen, die wechseln. Ein Betrieb, der verteilt, hat rechts immer dieselben zwei, drei Namen. Zweites Zeichen: In deiner Einteilung steht für keine Schlüsselrolle ein zweiter Name.

Das Umhängen ist keine Bequemlichkeit — Montag um 6:50 ist keine Zeit für Grundsatzfragen, und an diesem Morgen ist der Magnet bei der sicheren Partie richtig. Es ist nur jeden Montag dieselbe Entscheidung, jedes Mal allein getroffen — und damit hängt auch die Vertretungsfrage wieder an dir.

Die Namensprobe

Die letzten fünf Krankmeldungen, zwei Spalten: links, wer gefehlt hat — rechts, wer übernommen hat. Stehen links fünf verschiedene Namen und rechts immer dieselben zwei, verteilt dein Betrieb Ausfälle, statt sie zu ersetzen — und die rechte Spalte von heuer ist die linke vom nächsten Jahr.

Wie krieg ich den Krankenstand wieder runter?

Über die Vertretung, nicht über die Krankmeldung. Drei Handgriffe: Jede Schlüsselrolle bekommt einen zweiten Namen, eingearbeitet, bevor du ihn brauchst. Wer einspringt, gibt dafür eigene Arbeit ab, statt beides zu tragen — Auffangen ist Arbeit, kein Obendrauf. Und wer zweimal hintereinander aufgefangen hat, ist beim dritten Mal tabu. Ein Ausfall, der ersetzt statt verteilt wird, erzeugt keinen nächsten.

Der zweite Name kostet dich Einarbeitung: drei Tage à 336 €, rund 1.000 € pro Rolle, für fünf Schlüsselrollen 5.000 €. Einmal. Gegen 32.000 € jedes Jahr die billigste Versicherung, die dein Betrieb kriegen kann.

Der dritte Handgriff kostet kein Geld, nur Überwindung — er arbeitet gegen deinen Montag. Der Magnet will zur sicheren Partie. Hängst du ihn zum zweiten Namen, wird es die ersten Male langsamer. Stimmt. Genau so entsteht der Mann, der es beim dritten Mal kann.

Das Telefon wird am Montag wieder läuten. Aber ob die Krankmeldung einen Handgriff auslöst oder eine Kettenreaktion, entscheidet nicht der Infekt — das entscheidet deine Tafel.

Wer fängt den nächsten Ausfall auf?

Vorsichtig gerechnet habe ich oben zweimal. Die Führungskosten-Diagnose kennt diese Vorsicht nicht: Drei Minuten lang setzt du deine eigenen Zahlen ein — ohne dich irgendwo anzumelden — und sie rechnet ungeschönt, wie teuer dich das Verteilen tatsächlich kommt. Den Prüfbericht hast du danach im Mail-Postfach.

Was die Diagnose nicht beantwortet: warum das Umhängen bei dir immer bei denselben landet. Jeder einzelne Montag sieht richtig aus — das Muster dahinter sieht erst, wer den Magneten nicht selbst hängt. Das Erstgespräch ist 30 Minuten zu zweit über deiner Einteilung — kostenlos. Du bringst die Namensprobe mit, ich die Fragen, die man sich selbst nicht stellt — danach weißt du, welche Vertretung du zuerst aufbaust und wem du noch diese Woche etwas wegnimmst. Kaarconsult liest im inhabergeführten Mittelstand die Plantafel wie eine zweite Bilanz.